THE-C2 als Experten zur Onlinekonferenz „Gemeinsam Zukunft bauen!“ eingeladen

In einer dreistündigen Onlinekonferenz setzte sich das Projekt „Stories of Change“ am 10. Juni mit dem Thema „Nachhaltiges Bauen“ auseinander. Nach einer Keynote von Michel Weijers debattierten Expert:innen und Interessent:innen in vier Panels über Möglichkeiten einer nachhaltigen Transformation der Baubranche. THE-C2-Geschäftsführer Thomas Henkel war zum Panel „Wie und wo baut Dresden?“ eingeladen, berichtete über lokale Projekte und forderte mehr Mut zu Experimenten.

Vorbilder sichtbar machen und Akteure vernetzen

Das Medienprojekt „Stories of Change“ des Dresdner Sukuma arts e.V. holt Vorbilder gelebter Nachhaltigkeit vor die Kamera, fängt deren Ideen ein und bringt sie auf große und kleine Leinwände. In diesem Jahr möchte das Team den Fokus auf das Thema Nachhaltiges Bauen lenken. In mehreren Veranstaltungen wollen sie einerseits Menschen, die nachhaltige Wege ausprobieren oder gar erfolgreich gehen, sichtbar machen und andererseits mit lokaler Politik, Verwaltung, Wissenschaft und Wirtschaft in der Region Sachsen vernetzen.

Vor diesem Hintergrund luden die Veranstalter am 10. Juni 2021 ab 16:30 Uhr Expert:innen aus Theorie und Praxis zur Onlinekonferenz „Gemeinsam Zukunft bauen!“ mit Diskussionspanels und Meetup: „Wir möchten Menschen aus der Baubranche selbst, wie Architekt:innen, Bauingenieur:innen und Handwerker:innen einladen, sich mit Entscheidungsträger:innen und Personen aus Lokalpolitik und -verwaltung, mit Forscher:innen sowie mit zivilgesellschaftlichen Projekte und Menschen, die sich für gutes Wohnen und Bauen in Dresden engagieren, auszutauschen. Wir freuen uns auf zukunftsweisende Vorbilder, die andere Wege gehen, die den Mut haben aus dem Scheitern zu Lernen und uns dadurch gute Lösungen und Antworten auf die oben genannten Fragen geben können.“

Stadtverwaltung Venlo: ein Maßstab in Sachen Nachhaltigkeit

Nach der Begrüßung und Vorstellung des Projekts eröffnete Keynote-Speaker Michel Weijers die fachliche Debatte. Der Geschäftsführer des C2C-ExpoLAB im niederländischen Venlo war Projektleiter des städtischen Rathauses, das als eines der ersten Gebäude weltweit nach dem „Cradle-to-Cradle-Prinzip“ (C2C) gebaut wurde. Dabei ging es den Planern um mehr als das Prinzip der endlosen Kreislaufwirtschaft: „Das Gebäude sollte nicht nur weniger schlecht sein als andere, sondern echte Mehrwerte für Menschen und Umgebung schaffen“, berichtete Weijers.

Dafür seien Mindset und Bewusstsein alles, betonte er weiter und beschrieb anschaulich den insgesamt siebenjährigen Weg von der Vision über den Entwurf bis zum heute pulsierenden Maßstab in Sachen Nachhaltigkeit. Die Vorzüge sind beeindruckend: Das Gebäude reinigt Luft und Wasser, erzeugt erhebliche Teile der benötigten Energie selbst und ist von Anfang an als Ressourcenbank konzipiert. Untersuchungen belegen die gestiegene Zufriedenheit und den gesunkenen Krankenstand der Mitarbeiter. Doch nicht nur Umwelt und Mitarbeiter profitieren, sogar die Wirtschaftlichkeitsberechnungen können sich dank diverser Benefits sehen lassen. Dazu gehören „hard benefits“ wie der höhere Rest-/Verkaufswert, geringere Kapital- und Betriebskosten ebenso wie „soft benefits“ in Form von erhöhter Produktivität oder verbessertem Image.

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„Geht so etwas auch in Deutschland?“

…fragte Weijers auf seiner vorletzten Präsentationsfolie. Darunter prangt ein deutliches: „Ja! Aber…“ Auch in Deutschland berate sein Unternehmen verschiedene Projekte, doch die „große Konzentration auf Konkretheit und Gewissheit machten es oft schwieriger“. Hinzu kämen vergaberechtliche Hürden, fehlender Mut sowie die Komplexität eines ganzheitlichen Konzeptes, welches C2C-Mentoring, die Berechnung des Business Case bzw. der TCO sowie die Zertifizierung einschließt. „Es wird aber immer einfacher und einfacher“, resümierte der Keynote-Speaker schließlich, und empfahl Marktkonsultationen zur Vorbereitung der Auftragsvergabe.

C2C-ExpoLAB-Geschäftsführer Michel Weijers ist sicher: Ein Meilenstein wie das Cradle-to-Cradle-Rathaus in Venlo wäre auch in Deutschland möglich. Folie: Michel Weijers/C2C-ExpoLAB, Screenshot: THE-C2
C2C-ExpoLAB-Geschäftsführer Michel Weijers ist sicher: Ein Meilenstein wie das Cradle-to-Cradle-Rathaus in Venlo wäre auch in Deutschland möglich. Folie: Michel Weijers/C2C-ExpoLAB, Screenshot: THE-C2

Nachhaltig bauen in Dresden

Nach einer kurzen Pause verteilte sich das Publikum auf die vier Themen-Panels:

  • Raum 1: Baustoffe der Zukunft mit Prof. Dr.-Ing. Manfred Curbach, TU Dresden; Valérie Madoka Naito, Architektin, Strohballensiedlung.de; Moritz Birke, Lehmbau Birke, Lehmbaustammtisch
  • Raum 2: Kreislauf des Bauens: Cradle to Cradle und Zirkuläres Bauen mitCornelius Zunk, C2C Dresden; Gerd Priebe, Architekt, Kutscherhaus Dresden; Magdalena Werner, Abfall- und Kreislaufwirtschaft TU Dresden; Sarah Mück, Team Zirkuläres Bauen
  • Raum 3: Wie und Wo baut Dresden? mit Steffen Jäckel, Geschäftsführer WID – Wohnen in Dresden; Thomas Henkel, THE-C2 GmbH und hpm Henkel Projektmanagement GmbH; Nilsson Samuelsson, Stadtplanungsamt Dresden; Bündnis MietenwahnsinnStoppen
  • Raum 4: Green Solutions – Healthy Cities (dieses Panel findet auf Englisch statt) mit Suili Xiao, Instiut für ökologische Raumentwicklung; Lucas Klinkenbusch, TU Dresden – Architektur; Michel Weijers, Geschäftsführer des C2C ExpoLAB und Projektmanager bei der Stadt Venlo; Dr. Arch. Alejandro de Castro Mazarro, Instiut für ökologische Raumentwicklung, Architects for Future

In Raum 3 eröffnete Sukuma-Projektkoordinatorin Anne Schuster die Diskussion mit der Frage, welchen Einfluss die 17 globalen Ziele für nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals, SDGs) auf die Baubranche in Dresden und z.B. konkret auf das neue Verwaltungszentrum hätten. THE-C2-Geschäftsführer Thomas Henkel berichtete, dass durchaus Bewegung im Markt zu spüren ist und erste Vorzeigeprojekte geplant und zum Teil sogar bereits umgesetzt wurden. Meist jedoch liegt der Fokus dabei auf den Treibhausgasemissionen im Betrieb – die graue Energie dagegen, die durch die Errichtung gebunden wird, bleibt bisher weitestgehend unbeachtet.

THE-C2-Geschäftsführer Thomas Henkel in der Onlinekonferenz „Gemeinsam Zukunft bauen!“ des Sukuma arts e.V., Screenshot: THE-C2
THE-C2-Geschäftsführer Thomas Henkel in der Onlinekonferenz „Gemeinsam Zukunft bauen!“ des Sukuma arts e.V., Screenshot: THE-C2

Auch besteht in der Breite des Marktes noch viel Nachholbedarf. Für das neue Verwaltungszentrum am Ferdinandplatz etwa hatte sein Team der hpm Henkel Projektmanagement GmbH als Vergabeberater schon 2018 Venlo als Vorbild präsentiert und die Gewichtung der Nachhaltigkeit erhoben. Diese wurde durch Dresdner Stadträte und die Verwaltungsspitze neben anderen Kriterien zwischen 5 und 30 Prozent bewertet und schließlich auf 15 Prozent der Gesamtbewertung gemittelt. Die entscheidenden Faktoren blieben die Kosten sowie Städtebau und Architektur, welche bei diesem Projekt durchaus auch einen hohen Stellenwert haben. Der nun bezuschlagte Entwurf zeigt zwar insgesamt einen höheren Nachhaltigkeitsstandard als die Mindestanforderungen des Gebäudeenergiegesetzes (GEG) und sieht neben Dachbegrünung und Photovoltaik auch Regenwasserrückhaltung vor. Von einem nachhaltigen Leuchtturmprojekt mit Cradle-to-Cradle-Philosophie wie dem Rathaus in Venlo bleibt das Verwaltungszentrum aber weit entfernt.

Nun braucht es Mut, Förderungen und Investitionen

Im weiteren Gesprächsverlauf berichtete Geschäftsführer Steffen Jäckel über die Ambitionen der erst 2017 neu gegründeten kommunalen Wohnungsbaugesellschaft WiD Wohnen in Dresden GmbH & Co. KG. Von Anfang an seien sowohl bei der Unternehmens- und Organisationsstruktur als auch bei der Planung und Errichtung der Wohngebäude die Themen Umwelt und Ökologie kritisch hinterfragt und entsprechend berücksichtigt worden. Erst vor wenigen Tagen gaben die Stadt Dresden und die WiD bekannt, dass sie gemeinsam eine Zielvereinbarung zu Nachhaltigkeit und Klimaschutz geschlossen haben. Unter der Überschrift „WiD – Öko? Logisch!“ hat sich das Unternehmen Bereiche wie energieeffizientes Bauen, Dach- und Fassadenbegrünung, nachhaltige Mobilität und Flächenentsiegelung vorgenommen. Insbesondere die Schwerpunkte umweltbewusste Mobilität und Errichtung von Gebäudebegrünungen bearbeitet die WiD bereits umfassend in aktuellen Bauvorhaben wie an den Standorten Lugaer Straße und Thymianweg sowie am fertiggestellten Wohnpark Nickerner Weg.

Der Dresdner Stadtverwaltung seien die SDGs sehr wohl bewusst seien, betonte auch Nilsson Samuelsson, Mitarbeiter des Stadtplanungsamtes. Ihre Möglichkeiten in der Verwaltung seien aber sehr begrenzt, oft würden sie gern mehr bewegen können. Gebunden an Gesetze wie die Sächsische Bauordnung hätten sie nur geringe Einflussmöglichkeiten. Solaranlagen und Gründächer etwa dürften privaten Eigentümern nicht vorgeschrieben werden. Auch die wichtige Rolle der Bestandserhaltung und Sanierung sei dem Stadtplanungsamt „absolut gegenwärtig“. Der Wandel funktioniere aber nicht mit einem Fingerschnipp, sondern sei ein Prozess, der gemeinsam mit der Stadtgesellschaft entwickelt werden müsse. „Und wir brauchen die Zivilgesellschaft, die immer mehr verlangt, das augenscheinlich Unmögliche verlangt“ – dieser Druck aus der Gesellschaft sei wichtig und treibe Politik und Entscheider an.

Experimente wagen und Innovationen vorantreiben

Einig waren sich die drei geladenen Experten schließlich darin, dass genug große Ziele definiert und ausgesprochen sind – nun braucht es Bauherren und Entscheider, die sich trauen. Die WiD und andere Vorreiter zeigen, dass die aktuellen Rahmenbedingungen schon vieles möglich machen. Ein Ausbau der Fördermaßnahmen wäre aber noch dringend nötig, fügt Nilsson Samuelsson hinzu. „Da reichen auch kleine Schritte, wir müssen Experimente wagen und Innovationen vorantreiben“, betonte Thomas Henkel abschließend, und verwies auf die neue Innovationsplattform „Klimaforum Bau“, die er zusammen mit der TU Dresden initiiert hat.

Nach den Diskussionspanels sammelten die Teilnehmer auf einer digitalen Pinnwand gemeinsam Filmideen für den Sukuma Award sowie Vorbilder des nachhaltigen Bauens, die im Projekt Stories of Change vorgestellt werden könnten. Zum Abschluss sprach schließlich die Architektin Valérie Madoka Naito über ihr Projekt Strohballensiedlung, bevor die Konferenz mit einem offenen Vernetzen und Austausch an der digitalen Bar ausklang. Das Team von THE-C2 bedankt sich für die Einladung und freut sich auf den weiteren Austausch mit dem Sukuma arts e.V.

Mit dem Projekt "Ulmenstraße" ist die WiD auf Bundesebene Modellvorhabenanwärter für umweltbewusstes Bauen. Folie: Steffen Jäckel/WiD, Screenshot: THE-C2
Mit dem Projekt „Ulmenstraße“ ist die WiD auf Bundesebene Modellvorhabenanwärter für umweltbewusstes Bauen. Folie: Steffen Jäckel/WiD, Screenshot: THE-C2

Über den Sukuma arts e.V.

Sukuma arts e.V. ist eine Plattform für Menschen, die ökologisch und sozial nachhaltige Lebens- und Konsumstile in eine breite Öffentlichkeit tragen sowie alltagstaugliche Handlungsmöglichkeiten aufzeigen. „Sukuma“ – aus dem Swahili für „aufstehen“ und „anstacheln“ – ist bei unseren Projekten Programm. Seit 2006 regen wir Menschen an, sich kreativ mit ihrer Rolle in der globalisierten Welt auseinander zu setzen. Wir orientieren uns an den Ideen der Transition Town Bewegung, den Ansätzen des Commoning und der Soziokratie. Bildung für Nachhaltige Entwicklung (BNE) und das Globale Lernen sind unsere Leitbilder.